Über diese Welt-aus-den-Fugen


Und über dieses hysterische Bedürfnis nach Unmittelbarkeit

ImJuni

 Februar 2016

Der Kern ”dieser Welt aus den Fugen” ist ein augenscheinlich bodenloses Bedürfnis an und nach Unmittelbarkeit, ein Hass auf alles Vermittelte.

Demokratie

Das allgegenwärtige Bedürfnis nach direkter, unmittelbarer Demokratie und nach ”Aktion” ist Ausdruck des Hasses auf jegliche Formen abstrakter, also vermittelter Demokratie. Denn dieser Hass ist ganz eigentlich ein Hass auf alles Vermittelte. Also zum Beispiel - und exemplarisch - auf das Parlamentarische. Das die Rechte von Minderheiten vor der Macht der empirischen Mehrheit, die Rationalität der politischen Handlung, durch Aushandlung und Abwägung - im multidimensionalen Raum unterschiedlichster Ansichten - vor den reinen Affekten schützen soll. Die den Kompromiss, der aus Zeit und Raum entsteht und der Raum gibt für Kritik, also das Maß vor der Racune bewahren will. Denn die vermittelte Demokratie wollte einst, nach den Katastrophen direkter und autoritärer Demokratie, nach Faschismus und Stalinismus, die individuellen und die Minderheitenfreiheiten, sowie die Vernunft des kritischen Arguments, vor der Unvermitteltheit des spontanen Ausdrucks der Mehrheit, also vor dem Terror der ”bloßen Meinung” (Horkheimer), schützen.

Doch nur noch wenige, hinauf, hinüber und hinab in die bürgerlichsten Kreise, verstehen oder erinnern sich heute noch an diesen Kern des vermittelten Demokratie-Gedankens. Denn er ist heute mit Haut und Haaren als lahm und korrupt desavouiert. Ob aus faktisch korrektem, oder aus historisch falschem Grunde. Das ist sicherlich eine interessante Frage. Der Verantwortung, dass wir diese Form der Demokratie heute gerne und schulterklopfend mit Füßen treten, dieser Verantwortung entkommen wir jedoch, angesichts ihres mittlerweile erbärmlichen (Selbst-)Wahrnehmungszustands, selbst mit den schlausten Ausflüchten nicht. Ihre Aushandlungsprozesse, ihre Ausschüsse und ihre Kompromisse, ihre Koalitionen und Stellvertreterinnenverhandlungen, werden als Lobbyismus und Korruption der herrschenden Klasse denunziert. Ihre Vertreterinnen als Gauner und Abzocker. Dabei steht hinter diesem Echauffieren meist nicht das Bedürfnis dieses paradigmatischste aller Systeme der Vermittlung das die Menschheit bisher kannte vor seinem Untergang zu bewahren, sondern vor allem nur das gänzlich narzisstische Bedürfnis des beschädigten Einzelsubjekts nach Erlösung im Unmittelbaren - im Echten, Unvermittelten, Konkreten, ganz Wahren, Unabstrakten, Einfachen, Rigth-in-your-facen - schlicht im Spektakel des Eigentlichen.

Die vierte Gewalt

Nicht zufällig ist heute in dieser Weise die Presse, sind die Intelektuellen, ist also das vermittelte und redaktionelle, einem kritischen, abstrakten, aber immer notwendig subjektiven Reflexionsprozess unterworfene Wort, auf der Abschussliste. Der Hass auf die ”Lügenpresse” und auf die ”Verschwörung der Intelektuellen” ist ja wiederum nichts anderes, als der Hass auf all dieses ”Vermittelte”. Auf alles was abgewogen, von einer Redaktion auf ”einen (abstrakten) Zustand gebracht” wurde. Also all das kritisch Begutachtete, das durch diese subjektiv, vermittelt, redaktionell verändert und verallgemeinert wurde. Es ist dieses all diesen Prüfungen und Prozessen unterworfenes und von diesem dominierte Wort, das eben genau durch seine redaktionelle Bearbeitung erst überhaupt in diese Welt gekommen ist und sie formt. Dieser manchmal langwierige Prozess der Vermittlung, der Abwägung, der kritischen Betrachtung und damit der Subjektivierung, wird heute als ”die Lüge” schlechthin denunziert. Denn nur das Unmittelbare, ”Objektive” erscheint heute für viele als das ”Ehrliche” und das ”Authentische”.

Aporie

Wenn man ”Lügenpresse”, oder ”die da Oben” rufende Menschen damit konfrontiert, dass korrupte Politikerinnen, steuerhinterziehende Manager, stammtischparolen brüllende CSUlerinnen und AFDler, Lobbyisten und die ganzen Vertreterinnen der politischen Klasse, diese ”immer-ihren-eigenen-Vorteilnehmenden”, dass all diese ja wohl ein empirisch signifikantes, also ganz ”echtes” und ”wahres” Spiegelbild dieser Gesellschaft darstellen, und damit eben gerade Ausdruck einer ziemlich gut funktionierenden, direkten Demokratie seien, dann wird einem von den Partisanen der wütenden Meinung immer entgegengehalten, dass dies zwar ”natürlich” so stimme (schließlich will man ja den eigenen Zynismus gegen die Politiker und ”die da oben” und gegen die verhassten Kollegen ”die alle bloß (wie man selbst) ihren eigenen Vorteil im Sinn haben” nicht gleich selbst widerlegen), aber andererseits diese Politikerinnen und ganz allgemein ”die Herrschenden” nun mal eine ”Vorbildfunktion” hätten.

Und da ist sie dann auf einmal wieder. Hinterrücks! Die Vermittlung! Plötzlich wünscht sich die Wutbürgerin eine vermittelnde Verantwortungsinstanz, einen Papa und eine Mama. Gerade dann wenn es in dieser ”Welt-aus-den-Fugen” mal nicht mehr so läuft. Und natürlich wünscht sie sich diese ordnende Instanz vor allem ganz für sich selbst, und allenfalls noch für ”Ihresgleichen”. Denn schließlich wünschten wir uns heute nichts sehnlicher als im Chaos der Konsequenzen des eigenen, ethischen Versagens an eine starke Hand genommen zu werden. ”We like raw truth”, ist die Antwort eines evangelikalen Mittelstandspärchen auf die Frage warum sie Trump so lieben, obwohl der doch überhaupt nicht ”sooo religiös” ist. Aber das mache nichts, denn er ”sag(t) uns was wir brauchen!”1.

Hysterie

So stark ist dieses Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, ist die Hysterie, geworden, dass nun damit vor allem für die Wutbürger selber ”die Welt ganz aus den Fugen ist”. Das verstärkt ihre Angst und ihre Verunsicherung. Aber es freut sich auch ihre ”Jugend”, ihr Eros, und ihr Hass. Und diejenigen, die nun seit Jahren schon mit hochrotem Kopf nach Aktion um der Aktion willen geschrien haben, genau diese fürchten sich nun selber vor ihrem eigenen, plötzlich ganz real gewordenen Schrei. Sie nehmen diesen zum Anlass - nein, nicht um nachzudenken oder innezuhalten - sondern: um noch lauter zu schreien als jemals zuvor! Und manch einer nimmt dies mittlerweile eben auch zum Anlass loszuschießen. Und nur um damit diese Angst und das Unverständnis, diese Verwirrung, mit einem ganz echten ”Jetzt-mal-ehrlich-Scheiß” - mit ganz konkreter, aufrichtiger (wir duzen uns) Wahrheit - für einen Moment zu betäuben. Mit einem Hass-Glauben also, der nichts anderes ist als eine Verdinglichungsmaschine. Denn er ist keine Religion! Er ist Ideologie! Er ist bloßes Meinen! Höchster Ausdruck des sich vor dem Unbestimmten und Ungenauen fürchten. Mit dem ganzen Hass auf die, die an diesem Ausdenfugensein ihrer doch seit jeher so behaglich eingerichteten, eigentlichen und wahren Ordnung Schuld sind: die Anderen, die Politiker, die Schmarotzerinnen, die Ausländerinnen, die Intellektuellen, die Flüchtlinge, die schwulen Religiösen und die spießigen Ungläubigen. Vor allem aber diese ganze komplizierte, abstrakte Ordnung, mit ihren Kompromissen und Abwägungen, ihren Prozessen und unverständlich geschriebenen, langen Gesetzestexten. Alle die, die scheinbar für das Abstrakte, Vermittelte, Redaktionelle, Parlamentarische, Schwierige, Abwägende, Ausgleichende stehen, sie alle müssen, ginge es nach der Rage der Unmittelbarkeit der Wutbürgerin, sie müssen für ihren Begriff von Welt - also dafür, dass sie überhaupt einen zu haben versuchen - sterben.

Terrorismus

Der Narzissmus, nicht die Religion oder die Agnostik, steht dieser Rancune der Unmittelbarkeit ins Gesicht geschrieben. Wir sind heute alle zu einem signifikanten Teil Partisanen dieses Unmittelbarkeitsfetisch geworden. Der Hass auf diese ganze komplizierte, abstrakte, abwägende, kritische, reflektierte Vermittlung ist heute in uns allen, zu einem guten Stück, eingepflanzt. Er ist ja auch längst demokratische, also empirische Mehrheit. Er ist hegemonial und eben genau deswegen auch materiell real, also ganz ”wahr”, geworden. Diese gut-gebildeten Mitteleuropäer, die in der Bahn bei Verspätungen laut, ”ist ja wieder typisch Bahn” brüllen, die als Fahrradfahrer mit Helm dem Autofahrer den Spiegel abbrechen, und als Autofahrerin den Fahrradfahrer schneiden. Davon sind eben mittlerweile wieder einige bereit zu töten, und bereit lieber heute als morgen loszuschießen. Wir waren hier bereits. All dies ist in diesem Sinne ja nichts wirklich überraschend, aufregend Neues mehr. Professoren mit Hut und Stock (und einer Hütte im Schwarzwald), die notfalls ihre Kolleginnen den Gaskammern ausliefern. Wir sollten wohl der Tatsache einmal ruhig ins Auge sehen, dass NSU/AfD, Compakt-Elsässer, Xavier Naidoo und Dinslaken-Sharia4all, durchaus zu so etwas fähig wären. Sie sind es bereits. In ihren Blogs ist der Hass auf Lügenpresse und ”die da Oben” (sprich: Juden, parlamentarische Demokratie, Journalisten und die lesbische Lehrerin) schon wieder groß genug, um ganz unvermittelt zuzuschlagen. Nur schade für sie, dass sie nicht die ersten sind (und in Dinslaken wohnen und nicht in Raqqa).

Exegese

Was ist nun dieses weltweite, vorgängige Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, und woher kommt es? Die Antwort ist eigentlich simpel: Es ist der Hass auf den Liberalismus. Ihr Ursprung ist die ganz gewöhnliche Pathologie des missglückten Erwachsenwerdens. Eine gescheiterte Pubertät. Der Hass auf die Moderne als gescheiterte Ich-Werdung ist nichts anderes als die hysterische Äußerung einer narzisstischen Kränkung. Denn in den heute dominanten, libertären Formen der liberalen, aufgeklärten Moderne ist noch jede dazu verdammt schließlich ganz für sich alleine erwachsen werden zu müssen. Ganz für sich alleine jemand sein zu müssen. Eine schwere, philosophisch und phänomenologisch betrachtet, unlösbare Aufgabe. Keine Religion, keine feudalistischen Standesordnungen, keine Familie, kein Verheiratetwerden, keine Geschlechtsfunktionen, keine Gruppen-, Volks-, oder Kaderideologien, die dem modernen Subjekt quasi-automatisch, also ganz einfach und ”ganz echt”, sprich ”ganz natürlich”, einen Platz in dieser modernen Gesellschaft zuweist: als Gläubige, als Vater oder Mutter, als Herr oder Knecht, oder auch nur als ”Überzeugte”. An dieser unlösbaren Aufgabe, die dem Einzelsubjekt seit jeher von allen libertären Ideologien, also von Anarchismus bis Tea Party, von Proudhon bis Peter Thiel, gestellt wird, aber vor allem von einer seit dem 2. Weltkrieg hegemonialen Form des Liberalismus, des libertären Ökonomismus, auch Neoliberalismus genannt, destellt wird, an dieser Aufgabe scheitern heute sehr sehr viele. Der Einzelne soll und kann in diesen libertären Ordnungen nur mit minimaler oder keiner sozialen, also gesellschaftlichen, Hilfestellung rechnen, wenn es darum geht herrauszufinden wer man ist, oder um eine Idee davon zu stabilisieren. Am besten man ist im Neoliberalismus schon immer jemand gewesen, also ein Rich-Kid, und hält, neurotisch, daran fest. Es scheitern an dieser Aufgabe zumal aber auch vor allem diejenigen am kläglichsten, die dieses falsche, libertäre Bewußtsein, am meisten für sich selbst affimiert hatten. Also gerade diejenigen die es immer schon, bewußt oder unbewußt, als erstrebenswert begehrten: vom ”Autonomen” und Dschihadisten bis zum Wutbürger. Deren offensichtliche, narzistische Verletzung ist also nichts weiter als dieses angenommene Scheitern am eigenen, libertären Erfolgsideal, am mega-befreiten Selbst, das ganz echt und authentisch, also ganz für sich, jemand sein will, um ganz echt in dieser ihrer Vorstellung von ”dieser Gesellschaft” cool sein zu können.

Da das libertäre Ideal, zumal das ökonomistisch-neoliberale, aber ein in sich widersprüchliches ist, eine Aporie, und als solches niemals erreicht werden kann, ist der Hass auf ”diese Gesellschaft” im Angesicht ihres Scheitern an diesem, am eigenen Ideal, umso größer. Und schließlich wird mit dem libertären Selbsthass, in Hysterie oder Depression, das ganze Kind, und damit die ganze Freiheit, mit dem Bade ausgeschüttet. Denn heute muss für die narzistischen Kinder des Libertarismus und des Dschihads, der Liberalismus an-sich für genau diese ihrer, hysterischen, libertären Übersteigerungen büßen: der Vater muß sterben.

Der deutsche, exemplarische Michel

Schauen wir nur auf unser eigenes ”Zuhause”, unsere eigene, gescheiterte Modernisierungsgeschichte, als exemplarisches Beispiel wie die Ideologie der Unmittelbarkeit und ihre Ästhetik angesichts einer über dieses ”Volk” hereinbrechenden Moderne - von Wagner bis Heidegger - als Trauma von diesem Besitz ergriff. Und fragen wir uns wo all die Energie, all die Angst vor diesem erwachsen werden, in der kurzen Zeit zwischen der Befreiung von Ausschwitz und dem Fall der Mauer - in diesem kurzen Sommer der Vermittlung - geblieben war?

Der ”modernen”, fordistisch organisierten Gesellschaft der Bundesrepublik blieb nach den Katastrophen der zwei Weltkriege und nach Auschwitz - für das die romantisch narzisstischen Jugendbewegungen, ähnlich denen der heutigen Milchbubis des Dschihads, maßgeblich verantwortlich zeichneten - nur eine einzige, übriggebliebene, ”erfolgreiche” Selbstfindungsgeschichte. Die aber nun mal leider ganz konkret von einem modernen Amerika und England, vom ”großen Anderen”, aufgezwungen wurde. Die symbolische Ordnung einer aufgezwungenen, modernen Vermittlung. Aus diesem narzisstischen Impasse2 entstand nun, im übriggeblieben Rest des Bismarckschen Nachtwächter- und Möchtegernimperialstaat, mit seinen Millionen Leichen im Keller und mit 1914 und der romantischen Jugendbewegung beim fest der bündischen Jugend auf dem Hohen Meißner, notwendigerweise irgendwann ein großes Bedürfnis nach ”unmoderner Unmittelbarkeit”. Und eine der ersten, pubertär-narzisstischen Nachkriegsbewegung, die dieser von ”denen da Oben”, aber doch eigentlich von Nazi-Papa und Mutterkreuz-Mama beherrschten, ”modernen” Herrschaft der Vermittlung und des parlamentarisch Abstrakten etwas ganz eigentlich-essentielles, etwas ”autonomes”, entgegenstellen wollte, war die RAF. Die dann doch gesellschaftliche, bundesrepublikanische Geschlossenheit gegen genau diese, eingeborene, pubertäre Wut der RAF, gegen ihren Narzissmus der Unmittelbarkeit und ihre ”Direkte-Aktion” - gegen ihre Ästhetik, zwischen Anarchismus, Antisemitismus, und Esoterik3 - bedeutete schließlich in den 80er Jahren für manch einen von der Moderne Verunsicherten, eine gewisse Selbstvergewisserung. Nämlich dass dieser ganze, bundesrepublikanische, ”kuschende”, ”liberale” Weg der Vermittlung, tatsächlich und ganz eigentlich eine Verschwörung war. Von den verhassten Amerikanern dem ”verweichlichten”, deutschen Volke aufgezwungen. Deutschland du Opfer. Noch viele, ähnlich gelagerten, narzisstischen oder/und esoterischen Bewegungen sollten dieser Rezeptionsgeschichte folgen. Von den proto-faschistischen Lebens- Öko- und Tiererechtsgruppen, der frühen Grünen und AL, bis zur Wehrsportgruppe Hoffmann. Horst Mahlers Biographie und sein Narzissmus verewigt und dokumentiert sie alle.

Das 1945 zwischenzeitlich versiegte, romantisch und historisch ebenfalls sehr deutsche Bedürfnis nach Unmittelbarkeit und Echtheit (und, äh Wald!), das vor allem einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber der Niederlande (1581), England (1640), Amerika (1776), und Frankreich (1789), also gegenüber damals fast allen Gesellschaften mit modernen Verfassungsbewegungen, geschuldet ist, dieses Bedürfnis nach ”Echtheit” hat schließlich zwischen 1914 und 1945 mit einer sehr eigentümlichen, romantischen Zerstörungswut gegenüber einfach allen Vernunftbewegungen seinen monströsen Ausdruck gefunden. Die Zerstörung war ja selbst das Phantasma romantischer Bewegungen, an das sich die alternde Jugend - vom Hohen Meißner, 1914er Kriegsromantik, bis zur RAF - gerne erinnerte, und die ihre Ausbrüche der Wut bis heute gerne als ”heroische Tat”, also als Widerstand gegen ”das System” verklären. Diese aber von jeher nichts anderes waren als der Ausdruck ihres Leidens und Scheiterns an allem ”Vermittelten”, an dieser phallischen Unverschämtheit des Vernünftigen.

Und dann muss es nicht verwundern, dass auch heute wieder manch eine bereit ist, von Hoyerswerda (einige) bis Dresden (viele), zu den Waffen zu greifen und drauflos zu marschieren. Der Feind steht nicht mehr im revolutionären Frankreich, er steht vor unserer Haustür! Er doziert und diskutiert in Universitäten, in Expertenzirkeln, in den Fernsehnachrichten, in den Feuilletons, bei den Gutmenschen und ihren ganzen, politisch korrekten Ansichten, und vor allem ihren guten Manieren und ihrer Empathie. Ihrem Mitleid! Eben überall dort wo dialektisch argumentiert anstatt unmittelbar draufgehauen wird.

Schizophrener Populismus

In dem Maße in dem sich der Hass auf die alternde Ordnung der Moderne, der symbolisch abstrakten Vermittlung, steigert, in dem Maße breitet sich auch wieder der alte Geist der ewigen, jugendlichen Pubertät, die Ideologie des bewegungsbeseelten Jungmanns, der Minderwertigkeitskomplex des Bartes, der fetischisierten Spiritualität, und damit des religiösen Fundamentalismus, der Esoterik und der getönten SUV-Scheiben, aus. Dies ist damit natürlich bei weitem nicht nur ein Problem des deutschen Michels mit seiner ganz spezifischen Kränkungsgeschichte. Denn von den in solch einem Angstverhältnis zu allem Vermittelten, Abstrakten und Begrifflichen - also zur symbolischen Ordnung an-sich - stehenden, end-gestörten, spät-pubertären Jugendlichen, kommen viele heute aus den unterschiedlichsten, kulturellen Hintergründen, ist heute manch einer bis zu 65 Jahre alt und älter, und häufig männlich. Sie halten Wahlweise eine Kaufhaus-Bonuskarte, den Eintrag auf einer wahllosen Gästeliste, einen VIP Pass für ein Bord-Buffet, die Guru- oder Predigerkanzel, oder die Kalaschnikow in ihrer Hand, für einen Ausweis ihres Auchjemandseinwollens (jener Ausweis also den sie Flüchtlingen, Andersdenkenden, oder Andersgläubigen folgerichtig verwehren werden) - in dieser Welt-aus-den-Fugen. Die ja genau so aus den Fugen ist, weil diese Verzagten ihre eigene Ordnung nicht verstehen, nicht einmal kritisch verstehen, geschweige denn sich zu ihr kritisch verhalten könnten, weil sie diese eben nie wirklich verstanden haben. Teils aus individuellem Versagen, aus narzisstischer Kränkung, oder einfach aus bloßer Ignoranz. Teils aber auch, weil diese Ordnung sie nie jemals wirklich eingeladen hatte mitzumachen. Es ist tatsächlich das Problem jeder, herrschenden Ordnung, dass sie immer schon gegen einen andere durchgesetzt wurde. Und es bleibt immer die dringlichste Aufgabe, aber auch leider die am schnellsten verdrängte, sich realistisch zu fragen, was mit den Anhängern der alten zu geschehen habe4.

Kapitalistische Hegemonie und ihre Pathologieen

Die narzisstische Kränkung ist eben genau die exemplarische, peinliche, Pathologie einer vom Kapitalismus dominierten Moderne. Eine Moderne, die kaum noch jemanden Sein lässt, der nicht drei Instrumente spielt, ein kühler, eloquenter, und vor allem ”kluger” Kopf ist (der was weiß - viel weiß!), gut aussieht, und dabei einen Abschluss hat. Der also immer schon besser ist als der, der gerade offiziell zu haben ist: ein intelligentes, smartes, wissendes Arschloch a la Steve Jobs oder Peter Thiel eben.

Kein Wunder, dass sich heute so viele Menschen auf diesem Planeten in einem Kampf gegen diese Ideologie (also gegen ein gänzlich undialektisches Prinzip) einer von neoliberaler, kapitalistischer Ideologie dominierten Moderne befinden. Ihre Wut entstammt, dort wo sie keine individuellen Pathologien als Ursache hat, oftmals aus dem Leiden unter der Herrschaft kapitalistischer - und eben nicht dem Leiden unter eigentlich moderner - liberaler Ideologie. Ihre Rancune entstammt der Aktion um der Aktion willen, richtet sich aber mehr und mehr gegen die Moderne selbst, die sie für alles und jede verantwortlich machen. Die Verwechslung schüttet das Kind mit dem Bade aus und trifft schließlich die Vernunft selber, die ja eigentliche das einzige Mittel war und ist, sich gegen herrschende Ordnungen a la Feudalismus oder Kapitalismus zur Wehr zu setzen. Donald Trumps Präsidentschaftskampagne ist dafür ein schönes Beispiel. Trump ist eben kein konservativer Ideologe. Dafür appelliert er viel zu sehr an die, die von der ökonomischen Moderne benachteiligt oder ausgesondert wurden. Donald Trump verspricht gerade den Underdogs, den ökonomisch und bildungstechnisch Schlechtergestellten einen besseren ”Deal”. Sei es nun eine ”bessere” Krankenversicherung wie Obamacare, mehr Arbeitsplätze, höhere Löhne, etc. Also eben alles das, was die Linke für die gleiche Bevölkerungsschicht auch will. Aber Trump liefert Grund und Lösung des Problems gleich mit. Und zwar mit Hilfe des simplen, und für jeden ”verstehbaren”, unvermittelten Baukasten des Ressentiments. Und natürlich ist dieses nicht zufällig genau jenes narzisstische Ressentiment gegenüber ”denen da oben”, den Immigranten und den Intellektuellen, der Presse und den ”ausländischen, terroristischen Mächten”. Da diese die ganze Schuld an der Misere der einfachen Leute tragen sollen, stellt deren ”Eliminierung” gleichzeitig die simpelste, also unmittelbarste und damit ”wahrste” Lösung des Problems dar. Trump ist kein politischer Ideologe. Trump ist ein populistischer Klassenkämpfer, der als Multi-Milliardär eben nur zufällig aus der verkehrten Klasse kommt. Der ja aber gerade wegen seines Reichtums von den Opfern genau dieses kapitalistischen Klassenkampfs, in einer Art schizophrener Verkennung ersten Ranges, gerade deshalb als ”unabhängig von denen da Oben” anerkannt wird. Mit dieser Verwechslung a la Trump, Wilders, Le Pen und Hoppe nimmt der Hass auf die Moderne und seine Kampftruppen den Kapitalismus, dessen Opfer genau diese ”Geschädigten” sind, beständig selbst aus der Schusslinie.

Wissen gegen Vernunft

Für die Rancune gegen die Moderne steht alles abstrakte, vermittelte heute durchaus berechtigterweise im Verdacht einfach nur verdammt klug und schlau zu sein. Heißt: einfach nur ganz viel zu wissen! Genau weil aber Wissen nun einmal die kapitalistisch degenerierte Form moderner Vernunft ist - Quantität vor Qualität, Wissen vor Verständnis und kritischer Durchgründung - genau deswegen trifft der Fetisch für den Akt des Unvermittelten gegenüber dem Abstrakten, gerade mittels seines Vorurteils, schließlich nur die Vernunft selbst, die doch genau das Gegengift gegen eine kapitalistische Wissensökonomie wäre. Sein könnte! Denn das Vorurteil trifft schließlich auch die Fragilität des abstrakten Kompromisses selber, der nichts weiter sein will, als ein Begriff: eine reflektierte, subjektive und damit - und nur damit - potentiell freie Vorstellung von Welt. Und eben kein ökonomisierter, ”offensichtlicher”, ”ganz echter”, ”faktischer”, also berechenbarer, unkritisierbarer, sprich kapitalistischer, (Wissens-)Zusammenhang.

Und doch schwillt heute dem Wutbürger im Angesicht des politischen Kompromisses der Kamm. Und sie wittert in ihm den Verrat und die Korruption ”der Anderen”. Nicht die des ökonomisch, abstrakten, großen Anderen. Nicht die der abstrakten, berechnenden Ordnung des Kapitalismus. Nein, die des konkreten, faktischen, echten, also wahren und konkreten Anderen. Also durch ”die da Oben”, oder ”die da drüben”. Denn nur imaginierte Objekte (und nicht Subjekte) sind wirklich haftbar, schuld und physisch zur Verantwortung zu ziehen. Symbolische Ordnungen sind kein dankbarer Gegenstand der Rache. Und deswegen kann kein symbolischer Ausgleich, keine Empathie, keine Verständigung, weder Kritik noch Abwägung diese Wut befriedigen. Dienstleistung kommt von dienen - und dann töten von schießen.

Gegengifte

Wenn wir also nicht von einer Lawine der Rancune gegen die Moderne an-sich überrollt werden wollen, die eben nicht nur die brutale Ordnung des Kapitalismus, sondern mit ihr auch die der Emanzipation und der Vernunft hinwegfegen wird. Wenn wir uns also im Kampf gegen herrschende, symbolische Ordnungen wie die des Kapitalismus, oder eines wiedererstarkenden Neo-Feudalismus, die Waffe des Hungers nach Freiheit nicht aus der Hand nehmen lassen wollen - einer Freiheit die aus der Dialektik zwischen individuellem Wollen und gesellschaftlichem So-sein, aus der Dialektik zwischen Subjekt und dem abstraktem Gesetz, also aus Vernunft entsteht - dann müssen wir uns heute mehr denn je auf jene Aspekte der Moderne konzentrieren, die im Strom kapitalistischer Verdinglichung und dem Bedürfnis nach Unmittelbarkeit und direkter, unvermittelter Aktion, untergehen: dialektische Kritik, Theorie, Konzentration, das symbolisch künstlich-abstrakte und das rein ästhetische. Denn so lauten nicht nur die Gegengifte gegen kapitalistische Verdinglichung, sondern gerade auch die wirksamsten Waffen gegen den aktuell vorgetragenen Angriff des Vorurteils auf die Moderne und auf die Emanzipation. Gegen die Hysterie der Unmittelbarkeit.

1Ryan Lizza, ”The Duell”, The New Yorker, 2016.

2Das ist eben wie wenn man als 15-jähriger brutaler weise dazu gezwungen würde zuzugeben, dass Mama und Papa doch recht haben.

3Persona von Vesper/Ensslin, Boese, Baader und Mahler. Vgl z.B. Michael Kapellen, Doppelt Leben, Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, die Tübinger Jahre, oder Hans Kundnani, Utopia or Auschwitz, Hurst, London.

4Eine neuere Studie von Hans Bode zeigt eindrücklich, dass beide Gründe, individuelles Versagen genau wie sozialer und/oder ökonomischer Ausschluss einen signifikanten Anteil an der Virulenz des Hasses auf die Moderne haben.